Im Schneckenbeinturm: Wolfram Eilenberger und „Die Gegenwart der Philosophie“
Schlimme Sache, wenn Philosophen über ihre Lage streiten. Das ist wie eine Wandergruppe, die im Wald über den richtigen Weg berät. Wie also ist die Lage? Wo stehen wir? Philosophen können darüber nicht diskutieren, ohne aus der Situation einen philosophischen Streit über die korrekte Interpretation der Situation zu machen.
Besteht hier eine Alternative zwischen links und rechts? Oder ist das eine metaphysische Idealisierung? Weist nicht existenzielle Entschlossenheit einen Weg geradeaus durch die Büsche? Andererseits, was ist überhaupt ein Weg? Und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der eigene Wille? Wird die Entscheidung konsensuell getroffen, ist sie neuronal prädeterminiert oder eine Schickung der Geschichte?
Die aktuelle Situationsbeschreibung kommt von Wolfram Eilenberger. Der Bestsellerautor hat ein mutiges Buch über „Die Gegenwart der Philosophie“ geschrieben. Der Befund ist nicht gänzlich neu. Die großen Tage der Kritischen Theorie, des Strukturalismus und der Postmoderne sind vorüber. Eine hochgradig akademisierte Philosophie vergräbt sich immer tiefer in Spezialprobleme. An ihren Rändern droht sie ins Absurde wegzurutschen.
Und schon beginnt der Streit darüber, wie diese Situation nun wirklich beschaffen ist. Philosophen, die im Wald stehen, können nicht anders. Die Lage ist zwar hoffnungslos, aber nicht eindeutig. Was leistet Philosophie tatsächlich? Wie sehr hat sie sich verzweigt oder verrannt – und stehen sich die verschiedenen Denktraditionen nicht näher, als man glaubt?
Eilenbergers Positionen lassen sich fraglos kritisieren. Wozu die deutliche Absage an eine geschichtliche Systematisierung von Erkenntnissen? Kann man die Gegenwart überhaupt verstehen, wenn man sie nicht als Gewordenes versteht? Mitunter glaubt man mit ihm auf eine Heideggersche Lichtung zu stolpern. Da wird die Geistesgegenwart zum Ereignis, zum Sein des Seienden, zum Warten der Gegenwart. Martin Seel hat das treffend kritisiert.
Und doch, was ändert das an der Lage? Der gegenwärtige Wald mag in verschiedenen Schattierungen düster erscheinen. Doch warum stehen wir dort? Und wie kommt es, dass die verbliebenen diskursiven Räume der Gesellschaft weitestgehend von philosophisch uninformierten Vereinfachern bespielt werden?
Wo bleibt die Philosophie im täglichen Geschrei KI-gläubiger Ideologen, Neo-Faschisten und Apokalyptikern? Wieso gibt es keine öffentlichen Resonanzräume für die Kritik an Ray Kurzweil, Peter Thiel oder Curtis Yarvin? Weshalb füllen sich die Mediengefäße stattdessen mit dem sophistischen Geschwurbel von Richard D. Precht oder Hanno Sauer?
Man mag die Existenz einer philosophischen Unterhaltungsschickeria beklagen. Doch der dunkle Wald ist eben auch Spiegelbild der universitären Philosophie. Es genügt nicht, sich akademische Meriten für die Existenz im Schneckenbeinturm zu verdienen, eine anspruchsvolle Lehre zu pflegen. Wenn Gegenwart eine Bühne hat, ist es die einer öffentlich gepflegten Vernunftkultur. Und um die ist es schlecht bestellt. So geistesgegenwärtig, dies festzustellen, wird man doch sein dürfen.