Hans Werner Henze und die Macht der Kunst
Hans Werner wer? Muss man den (noch) kennen? Und wenn ja, wozu? Für Musikexperten ist das keine Frage. Hans Werner Henze gehört zu den bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein 100. Geburtstag ist in Fachkreisen zweifellos ein festes Datum. Doch darum geht es mir nicht. Spannend ist Henzes Leben als Künstler. Ein tiefes Verständnis von Kunst offenbart sich in seiner Biografie und seinen Werken. Wir alle können davon lernen. Und dazu braucht man von Neuer Musik gar nichts zu verstehen.
Künstlerinnen und Künstler werden häufig bewundert für ihre Radikalität. Dafür, etwas völlig Neues zu machen. Altes zu verwerfen, ausgereizte Kunstformen hinter sich zu lassen. Doch hinter den großen Gesten bleibt eines meist verborgen: Das Neue zu schöpfen, gelingt nicht ohne die Kenntnis der Tradition, gelingt nicht ohne das handwerkliche Wissen, das andere in Jahrhunderten künstlerischen Schaffens aufgebaut haben. Wer die überlieferten Techniken und Ideen nicht kennt und beherrscht, könnte gar nicht sagen, ob ihm etwas Neues überhaupt gelungen ist.
Hans Werner Henze wusste das. Ihm war klar, dass er aus dem Reichtum einer langen und reichen Musiktradition schöpft. Dabei hätte die radikale Gebärde zu ihm besser gepasst als zu vielen anderen. Nach den Verheerungen des Krieges schien es zwingend, eine neue Kunst zu begründen, den Weg der Schönbergschen Erneuerung weiterzugehen. Hatten Wagners Opern den Nazis nicht das Hirn vernebelt? War nicht Musik zum propagandistischen Betäubungsinstrument geworden?
Hans Werner Henze hatte solche radikalen Gedanken. Und er wollte nach dem Krieg schleunigst weg aus Nazi-Deutschland, verkörpert durch den eigenen Vater, dessen „wimmernd“ gegeigten Schubert er ebenso wenig vergessen konnte wie die Bemerkung, Homosexuelle wie er, der seltsam begabte Sohn, „gehörten eigentlich ins KZ“. Traurig ideale Bedingungen, um zum Radikalen zu werden, die vermeintlich korrumpierten Traditionen der Kunst einzureißen.
Doch Hans Werner Henze dachte anders als die Musikideologen seiner Zeit, für die es außer Zwölftonmusik nichts mehr geben konnte und durfte. Zwar brach er mit Deutschland und den Deutschen, wollte sich einer „Nation voller Killer und Rassisten“ nicht mehr zugehörig fühlen, ging mit Ingeborg Bachmann, seiner Herzensfreundin, ins italienische Exil. Doch als Komponist wusste er, dass eine Exilierung aus den Traditionen der Musik selbst unmöglich ist. Er komponierte neu, teilweise auch atonal. Doch Musik war für ihn nicht einfach „Struktur“. Ohne musikalische Gesten, ohne Aussageabsicht, hatte sie aus seiner Sicht nichts mitzuteilen.
Henze vertonte Bachmanns Gedichte, darunter „Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen“. Die Sopranistin Gloria Davy sang diese hochdramatische Partie 1957 bei den Donaueschinger Musiktagen. Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen verließen als Wortführer der Neuen Musik daraufhin demonstrativ den Saal. Viel zu romantisch, vermutlich reaktionär – so durfte man doch nicht mehr komponieren!
Wirklich nicht? Henze hat gegen diese Ideologisierung der Musik zeitlebens die künstlerische Freiheit verteidigt. Angesichts der vielen Anfechtungen war das ausgesprochen mutig. Er stehe in einem „ständigen Gedankenaustausch mit der Frühromantik und der Klassik“, erklärte er noch kurz vor seinem Tod in einem Interview, „ebenso zu Bach, zur Musik des Barocks und des Vorbarocks“. Schon im Neuerer Schönberg stecke „die ganze deutsche Tradition. Wer sind wir, wenn wir das abschaffen wollen?“, fragte Henze in seinem charakteristisch nüchternen Ton. „Dann bleibt nichts übrig. Tote Hose.“
Dieses Kunstverständnis hat Hans Werner Henze vor den Kurzsichtigkeiten seiner Zeit bewahrt. Wie sein enger Freund, der Psychologe Jens Brockmeier, später feststellte, blieb Henzes Kunstverständnis insofern vom deutschen Idealismus geprägt. Er wusste, dass die künstlerische Tradition der Existenz des einzelnen vorausgeht, seine eigenen Werke als Beitrag zur Weiterentwicklung dieser Tradition zu verstehen sind. Beide hatten zusammen einen Aufsatz über Hegels Prinzip des Widerspruchs geschrieben. Sich zum Vergangenen in Widerspruch zu setzen, ist demnach das eigentlich produktive Verhältnis, mit dieser Tradition umzugehen. Für Hans Werner Henze sei dies programmatisch gewesen.
Über den 100. Geburtstag von Hans Werner Henze habe ich bei SWR Kultur geschrieben.