Wilm Hüffer

Autor

Die Zeit anhalten: Freundlicher und gefährlicher Eskapismus

„Die Mumins“ der finnischen Schriftstellerin Tove Jansson stecken voller Poesie. So findet sich in „Mumins wunderbaren Inselabenteuern“ auch ein einprägsames Bild für den Eskapismus. Der Muminvater hat beschlossen, mit seiner Familie aus dem Mumintal auf eine entfernte Felsenschäre überzusetzen und dort ein aufregendes Leben als Leuchtturmwärter zu führen. Die Muminmutter ist unglücklich über diesen Umzug und hat furchtbares Heimweh. In der Stube des Leuchtturmwärters malt sie schließlich ihren alten Garten an die Wand. Eines Tages gelingt es ihr, diesen Garten zu betreten und darin zu längeren Ausflügen zu verschwinden. Wie ihr das gelingt, bleibt unklar. Es spielt auch keine Rolle.

Durch einen selbstimaginierten Traumgarten wandeln – das ist ein schönes eskapistisches Motiv. Schön deshalb, weil es nicht resignativ ist, nicht in Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit endet. Ein geistiger Rückzugsraum scheint zu entstehen, der es erlaubt, die eigenen Kräfte zu sammeln. Sich einen Garten der Schönheit zu erschaffen, in dem man sich für kurze Zeit erholen kann: Das bedeutet offenbar, mit der Welt noch nicht fertig zu sein.

Wirklich nicht? Das ist die entscheidende Frage. Vielleicht ist der Traumgarten eines Tages kein Traum mehr, sondern ein Realitätsersatz. Aus dem Eskapismus der Erholung könnte Realitätsverweigerung werden. Diese Befürchtung schwingt mit bei allen modernen Eskapismen, beim Traumurlaub, der nie enden soll, bei der ewigen Reise durch die Level eines Rollenspiels, beim Übertritt in eine imaginierte Dauer-Idylle des Ruhestands.

Wo ist die Schwelle, die zu übertreten gefährlich wird? Wann führt aus dem eskapistischen Raum kein Weg mehr zurück? Die Muminmutter kehrt stets zurück. Aus ihrer Sehnsucht wird später der Mut, der die Familie ins Mumintal zurückführt. Doch die arkadische Ferne kann große Anziehungskraft entfalten. In einer fesselnden Studie hat Philipp Theisohn gerade das Leben des Schweizer Schriftstellers Conrad Ferdinand Meyer beschrieben. Er zeigt ihn als Dichter, der den Eskapismus zur Kunstform erhoben hat.

C. F. Meyer tritt uns geradezu gegenüber als Vater aller Eskapisten. Gequält von den Jahrzehnten des Historismus, von der Fiktion, sich in den geschichtlichen Strom des Lebens immer wieder hineinstellen zu müssen, um sich nicht selbst zu verlieren. Früh hat der hochneurotische Dichter diese Formen geistiger Selbstüberprüfung als Form elterlicher Gewalt erlebt, als geschichtliche Übung darin, sich des göttlichen Heils zu versichern.

Meyer reagiert auf diese Formen masochistischer Selbstüberforderung mit beispielloser Radikalität. Er malt nicht einfach einen Garten auf eine Wand. Seine Dichtungen verwandeln die ganze Welt in ein Herbarium lebloser Schönheit, mit Figuren, die zu steinernen Skulpturen erstarren, den Strom der Geschichte in eine leblose Allegorie verwandeln. Dichtung als Abwehr des Lebens. Der Eskapismus als geschlossener Irrgarten ohne Ausweg.

Hier liegt die gefährliche Schwelle, und C.F. Meyer hat sie übertreten. Selbst in schöpferischer Produktivität ist Eskapismus das Ergebnis einer geistigen Ermüdung. Die Schwelle zum Reich der Resignation ist der Unwille, auch nur einen weiteren Gedanken auf die Rückkehr zu verschwenden. Obschon dieser Unwille enormen Gedankenreichtum entfalten kann.

Über das Buch von Philipp Theisohn, Conrad Ferdinand Meyer, Schatten eines Jahrhunderts, habe ich bei SWR Kultur geschrieben.